Exül
Exül ist keine Substanz. Exül ist ein Zustand: Man beschreibt es als extrem explosiv und doch ist das nur die halbe Wahrheit. Es ist zäh und fließend zugleich, äthergleich wie Morgennebel, schwer wie Honig aus den Knochen der Welt. Schwarz, nicht weil es Licht schluckt, sondern weil es sich weigert, welches zu reflektieren.
Ein einziger Milliliter davon wird als Getränk angeboten, versiegelt in runenverbrannten Phiolen, gehandelt für Summen, bei denen Königreiche blass werden. Nur die trinkfesten wagen es. Nicht wegen des Geschmacks. Sondern wegen dessen, was folgt.
Der Rausch von Exül beginnt nicht im Kopf. Er beginnt im Zeitgefühl.
Nach einem Tropfen berichten Konsumenten, dass Sekunden rückwärts fließen. Gedanken hallen vor, bevor sie gedacht werden. Manche hören eine Stimme, alt, tief, nicht laut, aber absolut. Andere sehen den Himmel brechen wie Glas und sich selbst darunter stehen, größer, kleiner, älter zugleich. Für einige Herzschläge glaubt man, die Welt sei ein Entwurf, und man dürfe ihn kurz korrigieren.
Dann endet es. Oder der Konsument tut es.
Der Abbau von Exül ist ebenso teuer wie sein Genuss. Geräte aus längst vergessenen Legierungen, Crews, die niemals denselben Hafen zweimal anlaufen, Verträge, die nicht unterschrieben, sondern geschworen werden. Denn Exül verzeiht keine Fehler. Schon ein Funke genügt, um eine Stadt in ein Gedächtnis zu verwandeln.
Viele kennen den ungefähren Ort der Insel.
Doch „Insel“ ist ein zu großes Wort. Sie misst kaum zwei Quadratmeter.
Ein schwarzer Fleck auf offenem Meer. Blau ringsum, doch dort, wo Wasser und Exül sich berühren, mischt sich die Farbe, als hätten beide Zweifel, wer hier wem gehört. Die See spielt Streiche, Strömungen verlaufen im Kreis, Sterne spiegeln sich falsch. Wer ohne Erfahrung sucht, verirrt sich. Immer.
Nur Piloten und Kapitäne, deren Karten mehr Narben als Linien tragen, kennen den Weg. Man sagt, sie navigieren nicht nach Sternen, sondern nach dem Unbehagen, das sich einstellt, wenn man zu nah kommt.
Die Legende reicht weiter zurück als jede Chronik.
Im Jahr 127.125 fegte der Urgott die Menschheit vom Erdbogen. Nicht aus Zorn, sondern aus Korrektur. Was blieb, war Stille, Trümmer und etwas, das nicht sterben wollte.
Manche sagen, Exül sei der letzte Rest seiner Magie, verdichtet, gebunden, vergessen. Andere behaupten, die Insel sei die Wiedergeburtsstätte des Urgottes, ein Ei aus schwarzer Flüssigkeit, das nur auf den richtigen Moment wartet. Wieder andere flüstern, es sei ein Tor zur Alten Welt, ein Durchgang, den der Urgott schloss, bis auf diese eine Naht.
Was auch immer wahr ist: Das Land lässt sich nicht beschädigen.
Kein Hammer, kein Zauber, keine Explosion. Jeder Versuch, die Insel zu verletzen, endet folgenlos. Und jeder Versuch, sie zu betreten, endet tödlich. Sofort. Ohne Kampf. Ohne Leichnam.
Seit Jahrtausenden schöpft man Exül.
Für berauschende Getränke, explosive Waffen, Antriebstechniken, die ganze Kontinente verschieben könnten. Und doch bleibt die Insel gleich. Keine Masse geht verloren. Kein Tropfen fehlt. Sie ist vollständig, immer.
Oder etwa doch?
Mineralforscher vergleichen sie mit einem brodelnden Miniaturvulkan. Meeresbiologen sprechen von Strömungen, die es nicht geben dürfte. Geologen sehen Spannungen, weltenkundige Zeichen, Wissenschaftler Muster, die niemand benennen kann.
Alle warnen vor demselben: einem Ausbruch.
Was dann geschieht, weiß niemand. Vielleicht wird Exül die Meere entzünden. Vielleicht die Zeit. Vielleicht kehrt etwas zurück, das nie ganz fort war.
Man vermutet, Exül sei älter als der Blaue Planet selbst.
Erstelle deine eigene Website mit Webador